Sonntag, 12. Mai 2019

Anreise

Grenzgang bei Freiburg


Ein harter Reisetag, 1450 km von Bremen nach Lourmarin. In der Kellerei von Michel und Bastien Tardieu geht die Probentour Montagmorgen los.

Heiner Lobenberg mit Einkaufsleiter Sebastian Pook

 

Wie jedes Jahr Sonntagabends Ankunft und Treffen in einem der reizendsten Hotels und Restaurants der Provence, La Feniere. Der Besitzer Guy Sammut war schon Michel Tardieus bester Schulfreund. Die Frau Reinne und Tochter Nadja haben sich den Ruf der besten weiblichen Küche Frankreichs erkocht. Hotel und Restaurant sind ein Traum.

abendliche Vorbereitung
und grandiose Neuentdeckung
Montag, 13. Mai 2019
Michel und Bastien

 

Michel Tardieu ist in Lourmarin geboren, hier machte er auch seine ersten Schritte als Winzer, besser gesagt als selbst ausbauender und abfüllender Negociant Eleveur. Er arbeitet mit vielen kleinen Topwinzern der gesamten Rhone zusammen, meistens winzige Biowinzer. Er begleitet und berät sie über das ganze Jahr und bekommt seinen Anteil, in der Regel die besten Fässer, direkt nach der Fermentation zum Ausbau nach Lourmarin. Michel arbeitet nun seit Jahren mit seinem kongenialen Nachfolger, Sohn Bastien Tardieu, Hand in Hand. Die Tochter Camille kümmert sich um die Verwaltung und Logistik.

 

2018 war das bisher härteste Jahr im Weinberg sagen Vater und Sohn Tardieu. Einem nassen Frühjahr folgte nach der Blüte in der Südrhône ein Pilzbefall (Mehltau) in historisch einmaligem Umfang. Bis zu zwei Drittel der Trauben gingen verloren. Dann der bekannt warme und sehr trockene, lange Sommer mit traumhaftem Herbst. Alles was letztlich überlebte, weist ein immense Dichte mit ultrafeiner Frucht in höchster Finesse auf, seidige Tanninmassen, unglaublich dichte und zugleich charmante Weine mit verblüffender Frische und Spannung.

Verkostungsnotiz direkt ins Handy diktiert

 

Das erinnert mich schon stark an die schönsten Weine des rechten Ufers von Bordeaux, wo ähnlich schwierige Wetterbedingungen ähnlich grandiose Unikate hervorbrachten. Zwei ähnlich komplizierte Regionen im Jahr 2018 mit ähnlich überragenden, aber stilistisch völlig außergewöhnlichen Weinen. Aber nur die besten und akribisch non stop arbeitenden Winzer fuhren final einen Jahrhundertjahrgang ein, der Großteil der normalen Betriebe erlebt in diesem so heterogenen Jahr ein qualitatives Desaster oder gar einen Totalausfall.

Zum Glück war die Nordrhone kaum betroffen, da gab es einen zwar ertragsschwachen, aber grandios konzentrierten Jahrgang. Konzentriert wie 2017, aber zugleich frisch und fein wie 2016. Die Nordrhone ähnelt diesbezüglich 2018 eher dem Medoc.

Bastien Tardieu über 2018

Tardieu über 2018 – The Vintage that made the best Vignerons in the South shiver and doubt !!

Strange and paradoxical … This vintage has reserved us quite a few surprises, and still raises questions. Although described as “Great” by some Vignerons, its strong heterogeneity, depending on the sectors, imposes us to be attentive, measured, though hopeful.

Vintage 2018

the vegetative cycle is early. Spring sees generous rains and heat strokes alternate. According to “Elders”, from memory one has to get back to the 60’ to observe such pressure of diseases in the vineyard. And, unfortunately for some Domaines, the processing windows would, in the main, only open at the week-ends … The vintage therefore promises to be technically complicated, demanding meticulous, tedious, even relentless work, in the vineyards. Damage and losses vary … but yields on Grenache are historically low … Providentially, once again, we could count on Mother Nature’s final “nudge” ! Without hesitation we can assert that the quality of the remaining grapes, the quality of their juice, is mainly due to a brilliant month of September.

Indeed, the weather conditions during the harvest were almost perfect. Cool but sunny weather, with well-marked, valued, thermal amplitudes … The Vigneron was able to choose in all serenity the ideal moment to harvest, plot of land by plot of land, without having to operate any constrained arbitration …

Southern Rhône

This is the first time that we have observed such heterogeneity between Appellations, with very low yields, especially in the old vines of Grenache Privilege of our profession, we were able to select drastically the most beautiful juices, working finely at the level of the various sectors within each and every Appellation … We also had to make use of the resources of all the Domaines which are our Partners, all of them responding positively, despite of the tiny harvest … Let them be thanked warmly here for their constancy. We still need to add that the prices of the Wines soared, up from 30 to 40% on Châteauneuf du Pape … But, in the end, the result is here: the Wines already charm us with their polished, luscious fruit ! The noses are delicate, the mouths untied …

Northern Rhône

Climatic conditions were milder, more accommodating, in the northern part of the Vallée du Rhône. The vines suffered little, and the generous yields made it possible to escape over concentrations, even though the Wines are currently unveiling an unusual power. The Wines are dense, the colors almost opaque. The tannins are already amazingly silky, velvety … Highly promising ! A fourth beautiful Vintage in perspective …

 

Nach dem häuslichen lunch bei den Tardieus dann 150 km gen Norden. Am späten Nachmittag folgt die Benchmark in Chateauneuf du Pape. Clos des Papes. Gegründet im 17. Jahrhundert, ein unverändertes Label und unverändertes Rezept seit Jahrhunderten. 13 Rebsorten im Mischsatz. Bio, Ecocert. Nur der Mourvèdre-Anteil wurde in den letzten 10–15 Jahren sukzessive erhöht auf 30-40%, das erhöht die Frische und Würzigkeit und fängt den Klimawandel besser ab. Ein massiver Weißwein, der bitte 20 Jahre im Keller schlummern sollte. Der zum Abendessen getrunkene 2001er bewies, dass die großen Jahrgänge hier erst nach 20 Jahren zur Höchstform auflaufen. Der rote 2018er ist eine etwas massivere, reichere Form des 2015ers, satte Würze und Biss von der Mourvèdre und viiiel Kirschfrucht. Groß.

Vincent Avril

 

Der Wermutstropfen: Wegen des Mehltaus nur 9 hl/ha Erntemenge, es gibt nur 1/3 der normalen Menge. Das ist leider der Preis, den reine Biowinzer in solchen Jahren zahlen, gegen diesen massiven Pilzdruck eines so nass warmen Frühjahrs kommt man ohne Chemie nicht an. Wenig Weltklasse-Wein, aber eben, anders als bei den Konventionellen, ohne Chemie Rückstände im Wein. Der letzte so verheerend massive Mehltau war laut Aufzeichnungen 1946. 2018 war eben ein Jahr der Extreme. Zum Finale der Verkostung gab es dann noch eine Vertikale, der 2017er stellte sich wie ein Klon des 2016ers dar, Vincent Avril setzt ihn qualitativ inzwischen auf den gleichen Level, zwei Blockbuster. Dagegen war das kongeniale Pärchen 2015/2018 fast burgundisch fein und charmant, mehr Spice zwar, aber auch mehr Kirsch. Eine denkwürdig gute Probe.

Dienstag, 14. Mai 2019

Mit Nicolas und Zaza Boiron

 

Dienstagmorgen um 9 Probe 2017 und 2018 auf Bosquet des Papes. 2017 bei fast gleicher Kraft noch feiner und burgundischer als 2016. 2018 kommt reifer und tanninreicher daher. Aber ganz fein und dabei sehr würzig. Finessereiche Langläufer mit wahnsinnigem Potenzial, der Chante le Merle einer der 100 Punkte Superstars des Jahrgangs. Der beratende Önologe Philippe Cambie und der Winzer Nicolas liefern hier von 2016 bis 2018 drei Meister-Jahrgänge aus dem großen Holzfass ab, eine der besten Interpretationen in Chateauneuf du Pape.

 

Christophe und Isabelle Sabon von der Domaine Janasse sind 2 Stunden später unsere Gastgeber. Die Kraft und Dichte und hohe Reife des Jahrgangs 2018 zieht sich zusammen mit der unglaublichen Eleganz und Finesse durch die drei Chateauneuf. Was für ein außergewöhnlicher Jahrgang, so reif, so tannic, so verspielt vor der Reife und der Wucht. 2009 trifft auf 2010? Der multikomplexe, würzig frische superreife Vieilles Vignes mit seinem hohen Mourvèdre-Anteil besteht inzwischen aus 13 Rebsorten und schlägt das erste mal den Chaupin aus uralter Grenache. Das hat Suchtpotenzial und ist 100 Punkte achtungsgebietend. Was für ein Erlebnis. Final alle 17er gegen 16. Ähnliche Power, aber 17 ist feiner und burgundischer, mein Favorit in Chateauneuf. 16 hat fast zu viel Kraft und Tannin. Christophe ist völlig zu Recht seit vielen Jahren der von allen Kollegen anerkannteste und höchstgelobte Winzer in Chateauneuf du Pape. Ein richtig weiser Bauer und ganz großer Kenner im Weinberg und Keller mit mehr Weit- und Umsicht als kaum ein anderer.

Christophe Sabon über den "incredible vintage" 2018

 

Clos du Caillou am Nachmittag. Mutter Sylvie mit Tochter Marielou Vacheron und dem genialen Regisseur Bruno Gaspard stehen inzwischen viele Jahre in der qualitativ allerersten Reihe. Ein n eher winziges Weingut auf sandigen Böden neben Rayas, besseres Terroir gibt es kaum. Biodynamie. 2018 mit 50% Ernteausfall wegen des Mehltaus.

Bruno Gaspard und Marielou Vacheron

 

Was blieb ist das Beste, das Clos du Caillou je gemacht hat. Unendliche Wucht und Kraft und aromatische Reichhaltigkeit trifft auf raffinierte Rasse, auf fast scharfe und zugleich samtige Tanninmassen. Die beiden CdR Village, der Quarz und der Reserve, kommen von einem mehr als Chateauneuf-würdigen sandigen Terroir. Immense Kraft und totale Finesse mit viel Spice! 90% aller normalen Chateauneuf der gesamten Region sind dagegen chancenlos. Der Chateauneuf Safres geht erstmals seit Anbeginn zumindest in Richtung 100 Punkte, die Mourvèdre verleiht Flügel. Dass die multikomplexe Reserve glatt 100 hat war zu erwarten, der würdige Nachfolger des zum Dinner genossenen 2007ers. Großes Kino!

Andreas Lenzenwöger

 

Der Abend gehört dann Andreas Lenzenwöger. Definitely Red heißt sein „Weingut“ und sein Wein. Zwei Fässer Rotwein Alte Grenache und 1 Fass Weißwein alte Clairette. Jetzt kommt 2017. Totale Handarbeit. Alles jeweils im offenen Barrique auf der Terrasse mit Blick über Chateauneuf du Pape spontan vergoren. Ganztraube, mit Füßen getreten, final mit den Händen abgepresst. Schon bei der Fermentation große Tag und Nacht Unterschiede in der Temperatur. Danach dass Barrique wieder zusammengesetzt und die Vergärung und Malo im winzigen Keller fortgesetzt. Viel archaischer, ursprünglicher und natürlich manueller geht es nicht. Und das mit der Akribie und Erfahrung eines seit Jahrzehnten vom Qualitätsgedanken getriebenen. Vom Sternesommelier zum Winzer in der Südsteiermark beim Sattlerhof zum Winemaker bei der Domaine Pegau. Definitely Red ist die Kür, quasi die Krönung. Eine winzigere Art Gourt de Mautens in Chateauneuf. Großes Kino im winzigen Keller.

Winzer Andreas Lenzenwöger ist den Jahrgang 2018

Mittwoch, 15. Mai 2019

 

Mittwochmorgen dann zum Vorbild vieler Biodynamiker. Gourt de Mautens in Rasteau. JEDER Kellermeister der Südrhône bekundet Jeromes Weinen eine Ausnahmestellung in der Südrhône. Nur 2 Hektar Weißwein und 12 Hektar rot. Sie können viel mehr Geld ausgeben an der Südrhône, aber diese zwei Weine dieses besessen Workaholics Jerome gehören zu den allerbesten Weinen des Erdballs. Für ca. 50 Euro gibt es nichts Besseres im großen Reich der Weine, ich müsste ständig ausverkauft sein, jeder Leser dieser Zeilen sollte so schlau sein, mich beim Wort zu nehmen.

Zusammen mit Andreas Lenzenwöger und Jerome Bressy

 

Jerome Bressy macht nur noch Vin de France, die Vorschriften in Rasteau erlaubten ihm nicht, die historisch im uralten Einzelstock Weinberg vorhandenen 13 verschiedenen wurzelechten Reben so zu belassen. Weiß und rot. Raus aus der Appellation. Brutale Handarbeit in Biodynamie. 2017 Verluste wegen verrieselter Blüte, 2018 Totalverlust durch Mehltau. 2016 und 2017 sind aber eine Offenbarung. Diese Weine sind für mich schlicht das Beste der Rhone. Sie gehören in meine Hall of Fame der besten Weine der Welt.

 

Danach zu Louis Barruol von Château Saint Cosme. Dieser biologische Betrieb hat 2018 seine Kupferspritzung extrem ausgedehnt, weit mehr als üblich, somit kaum Mehltau-Verluste. Grandios reiche Weine voller Opulenz und fleischiger Fruchtfülle in Gigondas. Massiv und dicht und samtig. Nicht so kraftvoll wie 2016, aber reicher und üppiger. Blockbuster der erotischen Opulenz und Reichhaltigkeit, samtig fette Tannine. Einfach üppige leckere weiche Monster, bitte für mindestens 10 Jahre der Reifung wegsperren, vorher sind diese Gigondas einfach zu überwältigend. Was für ein Jahr bei Louis, Chapeau!

 

Saint Cosmes Nordrhône ist zwar auch satt und dicht, dabei aber trotz der großen Opulenz deutlich eleganter und feiner als die 17er Powerweine. Erstaunlich, dabei waren 2017 und 2016 doch auch schon elegant. Alle drei Jahre sind letztlich total unterschiedlich, 2016 ist der Jahrhundertjahrgang der Fachpresse, der charmant saftige und überreiche 2018 wird den Publikumspreis gewinnen, 2017 ist an der Nord- und Südrhône mein persönlicher Favorit in Mineralik, Kraft und Eleganz. 2018 an der Nordrhone ist aber ohne jeden Zweifel einfach ganz groß. Der spannungsgeladene Saint Joseph, der Riese von der Cote Rotie und der verspielte Crozes Hermitage bestätigen die tollen Ergebnisse der Nordrhone bei Michel Tardieu.

 

Yves und Benjamin Gras von der Domaine Santa Duc zeigten nur wenige Fass- und Amphorenmuster aus 2018. Riesige Potenziale und reichhaltig wie Saint Cosme, dabei etwas feiner. Der neue Keller ist gerade erst fertig geworden, beeindruckend und state of the art im praktischen Arbeiten. Der erst 29 Jahre alte Benjamin war mit dem Jahrgang 2017 erstmalig der allein verantwortliche Kellermeister. Power und Struktur fast wie 2016, dabei aber unendlich fein und spielerisch elegant.

 

Der Chateauneuf aus der Amphore, der von sandigen Böden stammende Crau Ouest, und der Gigondas Clos de Derrière VV aus der Hochlage hinter der Kirche von Gigondas, zeigten sich als Superstars mit Potenzial von 98–100 und 97–100. Ein toller Start mit einem großen, vielfach und ganz zu Unrecht unterschätzten Jahrgang 2017, Chapeau Benjamin!

Donnerstag 16. Mai 2019

 

Domaine de Pegau mit Kellermeister Andreas Lenzenwöger. Die 2017 Reserve präsentiert sich als würdiger, vielleicht gar feinerer und interessanterer Nachfolger des Powerjahrgangs 2016. Auch die ältesten Reben der Cuvée da Capo sind 2017 und 2018 Bestandteil der normalen Cuvée Reserve. 2018 ist weich, dicht, enorm reichhaltig und saftig. Eher wie 2015. Eine Offenbarung war der im gebrauchten Guigal Lala-Barrique für 4 Jahre (bis 2021) ausgebaute 2016 Inspiration. Eine Auslese der Auslese da Capo und einer der besten Chateauneuf, die ich je probiert habe. Mit Nachdruck 100 Punkte!

 

Laurence Ferraud hat da ein brutal gutes Konzept aus der Taufe gehoben, nur alle 5–6 Jahre erzeugt und leider astronomisch teuer, abgefüllt nur in Magnums. Überragend präsentieren sich auch die 2018er weißen Chateauneuf. Der Österreicher Andreas Lenzenwöger ist einfach ein gnadenlos talentierter Weißwein-Guru mit Experimentierfreude. Reich und voll und zugleich sehr aromatisch frisch zeigt sich die weiße Cuvée Reserve. Die nur aus zwei Fässern bestehende Cuvée a Tempo steht mit Tardieus und Clos des Papes weißem Chateauneuf und Beaucastels Roussanne VV in der ersten Reihe der Weißweine der Südrhône.

Jean Paul und Antoine

 

Am späten Vormittag zu meinem persönlichen Lieblingsweingut in Chateauneuf du Pape. Der Biodynamiker Vieille Julienne. Auch hier scheint der Generationswechsel sehr harmonisch zu funktionieren. Vater Jean Paul Daumen und der erst 26 Jahre junge Sohn Antoine haben in ihrer sanften, erstaunlich weitsichtigen, weisen Art eine große Übereinstimmung. Zuerst probieren wir die 18er vom Fass. Eine grandiose Linie der allerfeinsten Stilistik, der burgundischsten Art aller Chateauneufs, zieht sich durch die Weine. Natürlich 2018er typisch sehr reichhaltig und für Vieille Julienne fast üppig. Und saftig lecker. Vom aus drei Lagen bestehenden Trois Sources, dem mineralischem Überflieger und Terrassen-Einzellagenwein Les Hauts Lieux bis zum Megastar, der aus den ältesten Reben stammenden Reserve, ist alles Chambolle-Musigny-artig rotfruchtig verspielt und unendlich lang.

Ich weiß nicht warum mir nicht mehr meiner versierten Chateauneuf du Pape Kunden auf diesem Pfad folgen, aber bitte glauben Sie mir, Vieille Julienne ist nicht typisch Chateauneuf, das ist eine eigene, burgundische Art der Superfinesse, besser geht es nicht an der Südrhône. Wenn denn Feinheit und Finesse und aromatisch dichte, kirschige Verträumtheit auch Ihr Ideal ist. Diese extraterrestrische Art zog sich natürlich auch durch den extrem spannenden 2017er Jahrgang, einen völlig zu Unrecht unterbewerteten Jahrgang an der Südrhône. 2017 ist eine Art mineralisch feiner Highflyer an der Südrhône. 2016 dagegen ist der Power-Jahrgang in Chateauneuf, tannic, klassisch, ewig haltbar. Ultrafein ist die 16er Kraft bei Vieille Julienne auch in diesem Jahrgang, hoch bewertet überall, aber Wartezeiten einkalkulieren bitte.

 

 

Der ganze Nachmittag gehört Chateau Beaucastel. Familie Perrin. Ein reines Familienunternehmen. Die Söhne des legendären, schon ab den 50er Jahren biodynamisch arbeitenden Übervaters Jacques Perrin, Francois und Pierre, haben inzwischen 7 ihrer Söhne in das inzwischen riesige Imperium integriert. Das nunmehr 9 Köpfe umfassende, immer demokratisch anstimmende Familienparlament von nunmehr 9 Geschäftsführern, tagt monatlich. Die heiligen Grundsätze Jacques, die Bewahrung der Natur, der Einklang, wird im Kleinen wie im Großen nie zur Disposition gestellt. Ich kenne keine Großfamilie, in der Wirtschaft und Philosophie und Harmonie in solcher Perfektion klappen, für mich die Idealform eines Großunternehmens.

Die Brüder Matthieu und Cesar

 

Der Philosophie und der Naturverbundenheit entsprechend wird auch ein desaströser Mehltauangriff wie 2018 akzeptiert als einfach zum Leben gehörend. Diese Gelassenheit präsentieren mir die Brüder Matthieu und Cesar anlässlich der Vorstellung des um 70% geschrumpften Jahrgangs 2018. Der verbliebene Rest besteht im Rotwein aus nochmal mehr Mourvedre als üblich. Weit über 5o%. Diese Zauber-Rebe und Klima-Antwort aller Winzer in Chateauneuf du Pape wiedersteht dem Mehltau weit besser und kann mit Trockenheit und Wärme weit besser umgehen als die Grenache. Würze, Schwärze, Erdigkeit und Frische und eine leicht scharfe Bissigkeit im feinen Tannin sind ihre Eigenschaften, genau das, was gerade im Klimawandel so nötig ist und was der süßen Grenache und der fruchtstarken Syrah in der Wärme etwas verloren geht.

Matthieu Perrin über den Jahrgang 2018

Cesar Perrin, der Weinbergsmanager der Familie, erklärte mir auch die Wichtigkeit des exakten Lesezeitpunkts. Zum Erhalt der Frische brauchte es gerade 2018 eine punktgenaue Lese. Die weiße Roussanne muss zwar reif sein, aber immer noch knackig mit grünlicher Beerenhaut.

 

Am Ende einer atemberaubenden Probe über viele Stunden war ich dann nicht mehr sicher, ob Michel und Bastien Tardieu oder die Familie Perrin die beste Kollektion des Jahres 2018 stellen. Den reifsten und zugleich würzigsten Beaucastel Chateauneuf du Pape musste ich fast unter Schmerzen von glatt 100 auf 99–100 zurücknehmen, weil die nachfolgende Cuvée „Hommage a Jacques Perrin“ aus den ältesten und wurzelechten Reben sonst 102 Punkte hätte bekommen müssen. Gab es jemals bessere Weine auf Beaucastel? Dieses nördlichste aller Weingüter in Chateauneuf du Pape liegt dazu komplett in Mistralrichtung gepflanzt, 120 Tage im Jahr mehr als 40 km/h bläst der kühlende und trocknende Wind hier. Dazu das kalkige Terroir, die uralten Reben und die Biodynamie, this is the place to be.

 

Noch weiter im Norden und in Hochlagen wächst das schwarze, frische, würzige Monster, der Vinsobres Hauts Julien. Irrer Stoff. Auch der aus über 100 Jahre alten wurzelechte Gigondas L’Argnee und der Clos des Tourelles 2018 sind dem Primus Saint Cosme mit den famosen Einzellagen ganz dicht im Nacken. Alles mit 100er Potenzial, abwarten bitte.

 

Den weißen Chateauneuf und die Roussanne Vieilles Vignes aus 100 Jahre alten wurzelechten Reben erwartete ich im heiß trockenen 2018 fett und breit. Das Gegenteil ist der Fall. Soooo reif, saftige Quitte mit Salzkaramelle und Mirabelle mit Reneklode und Zitronengras, pinke Grapefruit dazu. Power und Reichhaltigkeit trifft auf Reife und mineralische Frische, stilistisch durchaus dem weißen Gourt de Mautens ähnlich. Wer den Stil mag ist hier im 100 Punkte Himmel.

Freitag, 17. Mai 2019 – Tag der Nordrhône

Im Keller mit Agnes Levet

 

Levet in Ampuis. Ein Côte Rotie Geheimtipp. Der Amethyste, die 2017er Côte Rotie Cuvée aus vielen verschiedenen Lagen. Totale Harmonie, ein Preis-Leistungs-Wunder. Der 2017 Maestria vom Granit aus Côte Blonde und Landonne zeigt irre Kraft und Druck. Der Levet Peroline aus der Schiefer-Einzellage Chavaroche bekommt als 2017er glatt 100 Punkte. Blumig, extreme Finesse und noch mehr Mineralität. Der beste Côte Rotie? Es gibt nur winzige Mengen hier. Wir stellen uns höflich in die Warteschleife der Zuteilung. Agnes Levet, diese so bescheidene stille und schüchterne Weinmacherin, ist der Tradition und Klasse in vierter Generation total verbunden, wir setzen voll auf ihre Großzügigkeit.

 

Vormittags bei Stephane Ogier. Eine enorme Entwicklung hier. Fast brutal mineralische Lagen Côte Roties. Nur noch Zweit- und Drittbelegung im Barrique, kein neues Holz mehr, Stephan hat im Laufe der letzten 10 Jahre enorm dazugelernt. Bis 12000 Stöcke Dichtpflanzung, Ertrag pro Weinstock unter 300 Gramm aus nur zwei kleinen Trauben. Bio. Pferd als Pflug.

 

Natürlich sind der Lancement und Côte Blonde vom Granit und der Belle Helene vom Schiefer Giganten von der Klasse der Guigal La La’s. Die Wahrheit liegt aber in der Cuvée Reserve. ALLE seine Top-Lagen von den 8 1er Cru Einzellagen bis zu den 6 Grand Cru Lagen geben den besten Teil für diesen Wein ab. Satte Frucht mit kühler Minze, Menthol, Eukalyptus und salziger Mineralität. Kirsche und Johannisbeeren mit Lakritze und Brombeere in verflüssigtem Feuerstein. DER Vorzeige Côte Rotie und trotz seines hohen Preises für mich nach Tardieu einer der besten Preis-Qualitäts-Verhältnisse.

Stephane Ogier über 2018

Kellermeisterin Jaeok Chu

 

Danach Chateau Grillet. Mythos am Rande von Condrieu mit eigenem Appellationsstatus. Die koreanische Kellermeisterin Jaeok Chu ist eine besessene biodynamische Weinbergs-Malocherin. Alle Qualität kommt aus dem Terroir und den Reben. Wie richtig, wie wahr. Von 2016 bis 2018 gibt es eine Serie von Jahrhundertjahrgängen hier. Natürlich darf man irritiert sein einen Viognier für über 300 Euro je Flasche kaufen zu müssen. Der dann ewig hält. Der von Mosel bis Loire, von Steiermark bis Wachau und zurück an die Rhone pendelt. Der ein komplexes Wunderwerk und total mineralischer Ewigkeitswein ist. Man muss bitte Jahrzehnte geduldig sein. Es lohnt sich. Bitte junge Millionäre voran!

Tain Ermitage
Patrick Rigoulet

 

Finale beim Biodynamiker Ferraton in Tain Hermitage. Inzwischen zu Chapoutier gehörende winzige Tochter, gekauft nach Aufgabe von Monsieur Ferraton. Grandiose, aber winzige, allerbeste Lagen im Hermitage-Berg, in Saint Joseph und in Cornas. Der Weinmacher, Damien, ist ein Besessener, ein Qualitätsfanatiker, seit 12 Jahren dabei. Der Regisseur Patrick Rigoulette steht voll hinter ihm und hält ihm den Rücken frei. Sie sind froh, dass Michel Chapoutier so sehr mit dem Imperium und der Weinpolitik beschäftigt ist, in diesem Schatten können sie sich ohne Profit- und Mengendruck qualitativ austoben.

 

Les Eygats ist einer der allerbesten Cornas (Michel Tardieus Cornas VV kommt auch aus der Lage), dazu Saint Joseph Lieu Dit Saint Joseph, die allerbeste Lage im Ort, und final der Mythos Ermitage Le Meal. Alles Biodyn und winzige Mengen in einem ultrareichen Jahrgang 2018. Wie kann so etwas trotz dieses Fetts, Alkohols, Fruchtwucht und satter Mineralik noch fein sein? Ist es aber dennoch irgendwie. Das andere aber auch alles. Bitte 2018 lange wegsperren. Das wird sicher eines der best bewerteten Jahre überhaupt, das Publikum wird drauf fliegen.

Fazit

Crozes-Hermitage

 

Für mich bleibt das von mir ungefähr gleich hoch bewertete, tanninreiche Mineralmonster 2017 aber erste Wahl vor 2016 und 2018. Aber eigentlich ist das egal, drei der größten Jahrgänge der Geschichte an der Rhône, Südrhône wie Nordrhône, liegen nun in meiner Verkostungshistorie. 2016 war super easy, in ganz Frankreich und Deutschland hat jeder Erzeuger mit die besten Weine seiner Geschichte gemacht. Kraftvoll und doch schick und elegant. 2017 war von Frost über Blüteprobleme bis zu Hagel und Trockenheit schwierig, ein phänomenaler Herbst mit ewig später Lese brachte bei den besten Erzeugern mehr grandiose, und vor allem mineralischere und fruchtstärkere Weine als das es Verluste und Ausfälle gab. 2018 war mit viel Mehltau und Trockenheit und Wärme noch dramatischer. Mit einem erstaunlich feinen Finale in einer noch nie zuvor gezeigten Reichhaltigkeit. Das alles muss mit dem Klimawandel zusammen hängen, nur die allerbesten Winzer können damit umgehen und zeigten drei völlig verschiedene, aber ganz große Jahrgänge. Es ist schon schön nur mit den Allerbesten zu arbeiten.