Wer schon mal vor den steilen Lagen an der Mosel stand, kann sich ungefähr vorstellen, was das Bewirtschaften der Weinberge bedeutet: Viel Handarbeit, Schweiß und blutige Finger. Die Lagen sind so steil, dass Maschinen keine Chance haben. Hier muss so gut wie alles per Hand gemacht werden. Kurz gesagt: Wer sich mit einem neuen Weingut an die Steillagen der Mosel traut, muss entweder verrückt sein oder eine schier unendlich große Leidenschaft für Rieslinge auf Topniveau haben. Kein Wunder, dass viele Betriebe ihre Türen für immer schließen, denn bei dem Aufwand ist es kaum noch möglich, dem Preisdruck des Marktes standzuhalten.

Aber Rebecca Materne und Janina Schmitt machen genau das Gegenteil. Die beiden Jungwinzerinnen haben sich getraut und begeistern heute die vinophilen Anhänger mit fantastischen Moselrieslingen aus dem Terrassenweinbau. Seit einigen Jahren mischen sie die Weinszene auf, ein Geheimtipp sind sie aber schon lange nicht mehr.

Ich habe Janina und Rebecca 2018 kennengelernt und sie machten auf mich nicht den Eindruck, als wären sie vom Wahnsinn getrieben. In ihren Augen brannte zwar ein Feuer, aber das war der Leidenschaft geschuldet, mit der sie über ihre Arbeit gesprochen haben.

Sie hätten es sich einfacher machen können, wie gesagt, Terrassenweinbau ist ein Knochenjob. Ich denke jedoch, es wäre ein nie enden wollender Kompromiss geworden, hätten die Zwei ihr Weingut in einer anderen Region gegründet.

Jemand sagte mal zu mir: „Qualität ist der beste Business Plan“, im Fall von Materne und Schmitt trifft das definitiv zu. Die Qualität ihrer Weine steht für sie an oberster Stelle, sie nehmen die Strapazen des Terrassenweinbaus auf sich und setzen auf konsequente Ertragsreduzierung (20–35 l/ha). Die Trauben werden per Hand selektiert und es werden ausschließlich kerngesunde Exemplare für den Wein verwendet.

Rebecca und Janina stecken ganz viel Hingabe, Geduld und Muskelkraft in die Weine, dafür verzichten sie (bis auf das Schwefeln) gänzlich auf sonstige Zugaben von außen.

Im Keller setzen sie ausschließlich auf Spontanvergärung und gönnen ihren Rieslingen so viel Zeit auf der Hefe, wie nötig. Also mindestens 6–8 Monate, in manchen Jahren auch deutlich länger.

Die feinen Moselrieslinge werden überwiegend im Stahl ausgebaut, die beiden nutzen aber auch ein paar gebrauchte Barriques aus französischer Eiche und ein 600 Liter Holzfass aus Akazie. Die Rieslinge daraus werden überwiegend in den Wunschkind Riesling verschnitten und finden sich zum Teil auch im Winninger Hamm wieder. Das restliche Sortiment kommt ausschließlich aus dem Stahl.

Die Mühe macht sich bezahlt und der Erfolg gibt Rebecca und Janina recht, ihr Weingut wächst stetig. 2012 starteten sie mit mickrigen 0,7 Hektar Fläche, inzwischen sind es schon 3,5 Hektar. Einen Teil Ihrer Lagen haben sie über eine Crowdfunding Aktion aus der Pacht rausgekauft und wurden dadurch noch ein Stück unabhängiger. Um dem Wachstum auch infrastrukturell gerecht zu werden, sind sie kürzlich mit ihrem Weingut umgezogen, jetzt kann also richtig durchgestartet werden.

Rebecca Materne und Janina Schmitt haben sich übrigens während ihres Studiums kennengelernt und fanden beide über Umwege zum Wein. Sie stammen nicht aus Winzerfamilien, dementsprechend gab es auch kein elterliches Weingut, das sie übernehmen konnten. Dennoch war da irgendwann der Moment, in dem der feine Rebensaft sie so gefesselt hatte, dass sie auch beruflich in der Weinwelt Fuß fassen wollten. Sie entschieden sich für ein Studium der Önologie in Geisenheim. Dort trafen sie dann auch das erste Mal aufeinander, welch eine Fügung und welch ein Glück für uns Weinnasen.

Mit erfolgreich abgeschlossenem Studium in der Tasche landeten die Zwei nach verschiedenen Zwischenstationen im Weingut Heymann-Löwenstein. Eine der Topadresse an der Mosel, ach was erzähle ich da, eine der Topadressen in ganz Deutschland.

Auch, wenn alle Stationen die beiden sehr geprägt haben und sie überall etwas für sich und ihre Arbeit mitnehmen konnten, war es Reinhard Löwenstein der zum großen Förderer von Rebecca und Janina wurde. Er vertraute ihnen die Stelle als Kellermeisterin im Weingut an und sie konnten die Aufgaben untereinander aufteilen. Nur so war es überhaupt möglich, nebenberuflich das eigene Weingut aufzubauen. Sind das nicht fantastische Voraussetzungen? Während man in einem der führenden Betriebe mitwirken, lernen und Erfahrungen sammeln kann, peu à peu den eigenen Betrieb aufzubauen, das konnte ja nur gut werden.

Inzwischen widmen sich die Beiden nur noch den eigenen Weinen, denn der Betrieb brummt und ihre Rieslinge sind heiß begehrt. Zurecht, denn sie machen richtig Spaß und bringen das ins Glas, was man sich von einem fantastischen Moselriesling erhofft.

Der Brot und Butter Wein von Materne und Schmitt heißt „Wunschkind“, einen besseren Namen hätten sich die Jungwinzerinnen nicht ausdenken können. Denn im Endeffekt ist der Wein genau das, ein Wunschkind. Dieser Tropfen ist die Belohnung für die harte Arbeit und den langen Weg, den sie für die Gründung des Weinguts gegangen sind. „Wunschkind“ ist eine Cuvée aus Rieslingen der verschiedenen Lagen, ein hervorragender Einstieg ins Sortiment.

In der Nase dominieren knackige Zitrusnoten und am Gaumen kommen Aromen von grünem Apfel hinzu. Untermalt mit einer wundervollen Mineralität. Man hat fast das Gefühl, dass man den Riesling beim Abfüllen über eine Schieferplatte hat laufen lassen, so dass man sie förmlich rausschmeckt.

Generell sind die Weine von Materne und Schmitt geprägt von dieser kühlen Aromatik und Mineralität. Sie sind sehr schlank und bewegen sich auf unheimlich hohem Niveau. Nehmen wir den Koberner Riesling, gewachsen auf blauem Schiefer in der unmittelbaren Nähe des großen Förderers Heymann-Löwenstein. Auf der einen Seite kommt der Koberner Riesling mit einer zärtlichen, cremigen Konsistenz daher, auf der anderen Seite wirkt er kühl und schlank. Die typischen Apfelaromen im Riesling werden begleitet von einer prickelnden Mineralität und saftigen Obstaromen wie Orange oder Mandarine. Eine unheimlich spannende Mixtur von verschiedenen Einflüssen, die sich jedoch an keiner Stelle im Weg stehen. Im Gegenteil, sie ergänzen sich perfekt und sorgen für echten Trinkspaß.

Rebecca Materne und Janina Schmitt machen Ihre Weine mit so viel Leidenschaft, kämpfen sich durch die Strapazen, die der Terrassenweinbau an der Mosel mit sich bringt und belohnen sich und uns mit diesen wundervollen Rieslingen. Die Beiden zeigen auf eindrucksvolle Art und Weise, weshalb die Rieslinge von der Mosel auf der ganzen Welt so begehrt sind. Ich bin mir sicher, wir werden noch viel von diesem Power Duo hören. Ich freue mich auf alles was noch kommt.