Auch wenn im Kernbereich der Côte d’Or die Pinot-Produktion überwiegt, so ist das Burgund eigentlich überwiegend, das heißt zu zwei Dritteln, weiß. Das liegt vor allem am Chablis und den weiten des Mâconnais, die nahezu ausschließlich Chardonnay produzieren. Mit Irancy hält aber eine kleine Enklave im Umland von Chablis die rote Fahne hoch. Mich erinnern diese Pinot Noirs immer an die nahe Verwandtschaft der nördlichen Spitze der Bourgogne mit den südlichen Ausläufern der Loire. Nicht nur, dass wir hier in Saint-Bris sogar etwas Sauvignon Blanc finden, sondern auch die Stilistik ähnelt sich durchaus. Die Weine der Region sind entsprechend schlanker, mineralgeprägter, rassiger und säurebetonter als ihre südlichen Artgenossen und erinnern daher unweigerlich an die Terroirs der Loire. Eine sehr interessante Region, wie ich finde, die immer noch unter dem Radar fliegt. Es ist äußerst spannend die knackigen Pinots des Maison de la Chapelle mit denen von Vacherin aus Sancerre oder denen der Domaine Pelle aus Manetou-Salon zu vergleichen. Da sind durchaus einige Parallelen zu entdecken!

Grégory Viennois von Maison de la Chapelle

Der allererste Tipp vom Norden an die Côte d’Or herunterkommend ist das kleine Örtchen Marsannay, welches seit jeher im Schatten seines weltberühmten Nachbarn Gevrey-Chambertin steht. Hier gibt es zwar (noch) keinen einzigen Premier Cru und beileibe keinen Grand Cru. Doch seit es im Kerngebiet des Goldhangs immer enger und vor allem teurer wurde, haben sich hier einige junge Wilde angesiedelt, als es noch einigermaßen bezahlbares Land gab. Als primus inter pares hat sich Sylvain Pataille mit seinen Pinot Noirs und vor allem auch dem momentan wie Phönix aus der Asche auferstehenden Aligoté einen Namen gemacht und Marsannay zu neu erwecktem Interesse bugsiert. Nun kann man Sylvain nicht mehr als jungen Rising-Star bezeichnen, sondern mittlerweile als renommiert und etabliert. Doch wer denkt er wäre dadurch etwas zur Ruhe gekommen, der kennt den umtriebigen Winzer schlecht. Gerade mit dem Jahrgang 2017 hat Sylvain nochmal einen deutlichen Schritt in Richtung Wildheit und Naturbelassenheit seiner Weine gewagt. Biodynamik gab es eh von Anfang an, aber die Moste werden nun so gut wie nicht mehr geschwefelt und auch der Wein nur im äußersten Fall oder minimal zur Füllung. Es wandern mehr Rappen in die Pinot Noirs, um etwas weg von der Stilistik der puren Frucht zu gehen, die er früher verfolgte und hin zu mehr Struktur und Gripp. Die 2017er Kollektion verlangt geradezu nach einem (Neu)Entdecken des Vieux Jeune aus dem Norden.

Aus Marsannay hinauskommend steht man kurz darauf vor einem der renommiertesten Hänge der Côte d’Or – dem Chambertin. Folgt man alten Aufzeichnungen so waren bis vor wenigen Jahrzehnten die beiden Top-Climats dieses Hangs, namentlich Le Chambertin Grand Cru und Chambertin-Clos de Bèze Grand Cru auf einem Level mit den Grands Crus von Vosne-Romanée. Wer die Nase vorne hatte war häufig nur eine Frage des Jahrgangs. Dass sich dies im Laufe der Zeit geändert hat liegt vor allem an den beiden größten Anteilseignern der Vosne Grands Crus – DRC und Leroy – die über die letzten einhundert Jahre stets relativ konstant hohe Qualitäten produziert haben. Wohingegen das Bild am Chambertin mit deutlich mehr Produzenten sehr viel durchwachsener war. Doch auch hier tummeln sich mit Faiveley und Laurent Ponsot zwei traditionsreiche Giganten, die seit Jahrzehnten für makellose Qualität stehen. Wenn man sich die Preise für Leroy und DRC Grands Crus auf dem überhitzten Markt ansieht, ist ein Clos de Bèze von Ponsot, der sogar noch dreistellig bleibt wohl als Best-buy zu bezeichnen? Qualitativ nimmt sich das sicher nichts. Und der Mazis-Chambertin von Faiveley steht geradezu sinnbildlich für diesen Grand Cru. Es gibt auch hier sicher gehyptere Weine, aber eben kaum Bessere. 

Laurent Ponsot

Wenn wir schon vom Süden der Côte de Nuits sprechen, bleiben wir doch gleich bei den beiden südlichsten Nachbarn Vosne-Romanée und Nuits-Saint-Georges. Letzteres ist das Handelszentrum der Nuits aber verfügt fragwürdiger Weise selbst über keinen Grund Cru. Dafür über eine rekordverdächtige Zahl an Premiers Crus von denen einige in guten Jahren zuverlässig an manche GCs heranreichen. Nuits-Saint-Georges kann man wohl als leicht schizophren bezeichnen, da sich die guten Lagen entweder südlich oder nördlich der Stadt befinden und von grundlegend verschiedenem Charakter sind. Die oberhalb der Stadt gelegenen Weinberge erbringen Pinot Noirs von dunkler Würze und kraftvoller Struktur. Die unbestritten beste Lage ist hier der direkt an die Gemarkung von Vosne-Romanée angrenzende Premier Cru Aux Boudots. Innerhalb dessen toben sich zahlreiche Spitzenproduzenten aus und geben ihre Interpretationen der Lage zum Besten. Der Top-Cru südlich der Stadt ist Les Saint-Georges, der perfekt den filigraneren, meist etwas rotfruchtigeren, ungemein samtigen Stil verkörpert für den der Süden der Stadt steht. Sowohl Boudots als auch Les Saint-Georges gehören zu den besten Terroirs der Nuits und eignen sich hervorragend, um die beiden Charaktere der Stadt zu erkunden. Ähnlich wie Pommard neben Volnay galt Nuits-St-Georges stets als etwas rustikaler, reichte nie ganz an die Feinheit des Nachbarn Vosne-Romanée heran. Doch nach allem was ich in den letzten Jahren probiert habe, profitierten gerade die Gemeinden denen man Rustikalität nachsagt am stärksten vom Klimawandel. Wir erreichen in den besten Premiers Crus eine unglaubliche phenolische Reife und weiche, samtige Frucht. Wenn der Erzeuger weiß was er tut, ist der Abstand zwischen St-Georges und Vosne bei weitem nicht mehr so groß wie es der Ruf der Appellationen suggeriert.

Der Blick von Grivot auf Vosne-Romenée

Wie könnte es anders sein, am Ende sprechen wir – natürlich – von Vosne-Romanée. Der quasi vergemeindete Nimbus der Côte d’Or, Heimat der Allergrößten, Land der unbezahlbaren Grands Crus. Warum ist diese Gemeinde so berühmt? Nun zum einen sind hier die renommiertesten Weingüter zu Hause, zum anderen wurde in dieser Gemarkung traditionell die beste phenolische Reife und die satteste Frucht erreicht. Durch die hiesige Kombination der perfekten Bodenzusammensetzung und vorteilhaftesten Hangneigung war Vosne immer einen Hauch feiner und doch mit mächtigem Punch ausgestattet. Kraftvoll aber dennoch immer eine Ecke ausgewogener und raffinierter als alle Nachbarn. Wieviel Aussagekraft das heute noch hat zeigt sich meiner Meinung nach so richtig nur noch in kühleren Jahren wie zuletzt etwa 2013. Diese Jahre, die so oft vorzeitig heruntergeschrieben oder einfach übergangen werden, weil sie durch mancherorts mangelnde Reife durchwachsen ausfallen, sind mir bei guten Lagen und Spitzenerzeugern stets die liebsten.

Die Winzer der Bourgogne sagen gerne, dass die kühleren Jahre transparenter für das Terroir seien. Das ist in vielerlei Hinsicht absolut logisch. Denn zum einen überdecken (über)reife Fruchtprofile und verschwommene Tanninstrukturen aus Hitzejahren die Lagentypizität aller Climats in nicht unerheblicher Weise. Zum anderen stellen kühlere Jahre sehr oft die traditionelle, charakteristische Distinktion der Ortschaften und deren Climats wieder her. Und zwar dermaßen, dass es uns zurückversetzt in die Zeit als die Lagen charakteristisch unterschieden wurden, nämlich in aller Regel zuerst nach vorteilhafter Fähigkeit zur gesunden Ausreifung. Sei es durch Bodenstrukturen oder Exposition. Wenn man mal alle anderen maßgeblichen Faktoren wie die Fähigkeiten des Winzers, lokale Wetterunterschiede und was uns sonst noch so beschäftigt herauskalkuliert, dann stellt ein kühleres Jahr die jahrhundertealte Ordnung der Terroirs wieder her. Die Grands Crus in der Hangmitte reifen satt aus, die besten Premiers Crus ebenso. Die Villagelagen müssen vorteilhaft cuvetiert werden, um Schwächen auszugleichen und minderwertigere Einzellagen kommen ins Straucheln. Denn eigentlich hat sich seit dem 7. Jahrhundert grundsätzlich weniger geändert als es uns heute in vollreifen Jahren scheinen mag. Das ist die Magie des Ursprünglichen - die alte Ordnung besteht. Nur vielleicht nicht mehr so offensichtlich über alle Jahrgänge hinweg.

Verlassen wir die Côte de Nuits gen Süden, vorbei am Corton, vorbei an Beaune, wir ignorieren die zwei roten Flecken Pommard und Volnay und schon sind wir in den blütenweißen Länderein des Chardonnays gelandet. Das Triumvirat der Côte de Beaune – Meursault, Chassagne und Puligny – regiert noch immer herrschaftlich über die Bourgogne en blanc. Eine der brennendsten Fragen, die sich früher oder später jeder stellt, der sich mit weißem Burgunder beschäftigt: Worin genau unterscheiden sich diese drei Gemeinden eigentlich und wie bekommt man das nachhaltig zu fassen?! Wenn es darauf eine einfache Antwort gäbe, dann wäre sie wahrscheinlich weithin bekannt. Dem ist aber leider nicht so. Selbst wenn man die Produzenten fragt, bekommt man häufig unterschiedliche Antworten. Denn gewissermaßen ist der Charakter einer Gemeinde, wie bereits erwähnt, auch Auslegungssache bzw. eine Frage dessen, welche Lage(n) man für sie als typisch erachtet.

Ganz unabhängig von Interpretation und Stilistik ist es alleine das Terroir, welches die Weine in eine bestimmte Richtung charakterisiert. Hieraus ergibt sich, dass Meursault in der Regel sehr saftig und mundwässernd ist aber gleichzeitig einen gewissen nussig-buttrigen Charakter aufweist. Es zeichnet sich allerdings unter den Top-Produzenten zunehmend der Trend ab mehr Mineralität und Stahligkeit in Meursault herauszuarbeiten. Das geht in Abhängigkeit des Jahrgangs vielleicht ein klein wenig auf Kosten der Fülle und Reichhaltigkeit. Comtes Lafon und Pierre Morey sind Beispiele für diese Entwicklung. Eigentlich war Puligny-Montrachet stets die Hochburg der Mineralität an der Côte de Beaune. Doch seit geraumer Zeit scheint Puligny ansatzweise die Charakteristik mit Meursault tauschen zu wollen. Puligny wird immer voller, reichhaltiger, auch nussiger und buttriger, aber sie bleiben größtenteils fokussiert. Von allen Gemeinden finden wir wohl in Puligny den komplexesten Boden mit hohen Anteilen an reinem Kalkstein, Lehmkalk, braunem Kalkmergel mit lehmigen Einschlüssen und Alluvialböden, also Schwemmland, welches in der Regel hangabwärts feiner wird und auf der Hangspitze etwas grober ist. Mit Puligny verbindet mich eine besondere Liebe, war es doch der Wein der mich initial für die Bourgogne begeisterte. Die Reichhaltigkeit in Verbindung mit dem mineralischen Kern bringt einen Chardonnay von konkurrenzlos eigenständiger Größe hervor. Diese Balance zwischen Power und Finesse ist bis heute unerreicht und manifestiert sich in der weißen Krönung der Bourgogne, dem Le Montrachet Grand Cru. Jener liegt am Sweetspot in der Hangmitte, genau wie der Romanée Conti an der Côte de Nuits und ist umringt von den anderen Montrachet-Climats.

Chevalier-Montrachet am Hangkopf darüber, ergibt einen etwas zitrischeren, finessenreicheren Montrachet von kargerem Boden. Bâtard-, Bienvenue-Bâtard- und Criots-Bâtard-Montrachet am Hangauslauf darunter ergeben etwas voluminösere, fettere Weine von tieferen Böden. Die Legende besagt, dass es sich zur Zeit der Kreuzzüge zugetragen hat, als der Lord von Montrachet (Le Montrachet) in den Orient zum Kampf gezogen ist. Daraufhin weist er seinen Ritter (Le Chevalier-Montrachet) an, über die Jungfrau (1er Cru Les Pucelles) und sein Reich zu wachen. Klassischerweise verliebt sich der Chevalier in die Jungfrau und einige Zeit später kommt ein Bastard zur Welt (Le Bâtard-Montrachet). Als der Hausherr wiederkehrt bekommt er den Bastard von seiner Geliebten in die Arme gelegt. Der Säugling scheint den Ärger des Herrn zu spüren und beginnt bitterlich zu weinen (Criots-Bâtard-Montrachet). Das Herz des Herrn Montrachet erweicht und da er bisher keine Kinder hat, heißt er den Bastard in seiner Familie willkommen (Bienvenue-Bâtard-Montrachet). Mit dieser kleinen Geschichte kann man sich die fünf Grands Crus von Puligny-Montrachet im Gedächtnis behalten. Auch wenn sich mein persönlicher Geschmack zwischenzeitlich ein wenig in Richtung der Hochlagen-Chardonnays der Bourgogne gewandelt hat bleibt Puligny das non-plus-ultra.

Chateau de Meursault, Montrachet

Chassagne-Montrachet ist der direkte Nachbar Pulignys. Die Weinberge gehen fließend ineinander über. Chassagne hat traditionell einen schweren Stand sich neben den beiden Giganten Puligny und Meursault zu behaupten. Hinzu kommt die Tatsache, dass hier früher sehr viel Pinot Noir angebaut wurde. Doch Chassagne hat es geschafft sich als Top-Adresse für Chardonnay zu etablieren und so schwindet der Pinot-Anteil zusehends in die Bedeutungslosigkeit. Neupflanzungen sind in der Regel nur noch weiß. Die Chardonnays aus Chassagne erreichen meist nicht ganz die Dichte von Meursault oder Puligny und wirken insgesamt etwas weniger nobel. Sie sind etwas runder, ohne ganz an die mineralische Spannkraft und innere Finesse von Puligny heranzureichen. Dies liegt an den etwas ‚fetteren‘ Böden mit höheren Lehmanteilen. Wie eingangs erwähnt – in der Bourgogne geht es um Nuancen! Gleichwohl ist ein Chassagne häufig ein energetischer, spannungsgeladener, meist etwas floraler, weißfruchtiger, auch zitrischer Wein. Da wir hier auch höher gelegene Hanglagen finden, die eine schöne Frische transportieren können. Vielleicht ist die größte Konstante in der Einschätzung der Chardonnays von Chassagne, dass es keine Konstante gibt. Wir haben deutlich diversere Climats als in Meursault oder Puligny. Chassagne hat keinen eigenen Grand Cru, aber Teile der Montrachet-Climats verlaufen über die Gemeindegrenze. Die beste Lage umrandet das Kloster von Morgeot. Die Weine werden entweder als 1er Cru Morgeot oder 1er Cru Abbaye de Morgeot gelabelt. Morgeot erbringt einen dichten, reichen in manchen Jahren gar fetten Wein. Für die mineralische, frische und finessenreiche Ausprägung von Chassagne steht der sehr viel unbekanntere, aber nicht minder grandiose 1er Cru En Virondot, der den spannungsgeladenen Hochlagen-Stil verkörpert wie kaum ein anderer.

Meine Aufmerksamkeit galt in letzter Zeit verstärkt den Weinen die über Puligny, Chassagne und Meursault, also weiter oben am Hang wachsen, teilweise schon oben auf oder in Seitentälern gelegen. Dementsprechend sind die Hangneigungen der Weinberge hier sehr häufig nicht mehr perfekt südlich ausgerichtet, sondern mehr gen Osten oder Westen geneigt. Das hat früher zu regelmäßigen Problemen mit der Ausreifung der Trauben geführt und erklärt die verminderte Reputation dieser Gemeinden wie Saint-Aubin, Monthelie oder Saint-Romain. Unter heutigen klimatischen Bedingungen hat sich das Blatt hier allerdings, wie überall, gewissermaßen gewendet. Gerade Saint-Aubin geht in den letzten Jahren durch die Decke. Hier gute Flächen oder Trauben zu bekommen ist nicht mehr einfacher als in Chassagne oder Puligny darunter. Bei meinem letzten Besuch im Herbst 2018 sagte mir ein Négociant, dass es aktuell einfacher sei gute Grand Cru Trauben zu kaufen als aus guten Saint-Aubin 1ers Crus. Das ist nicht verwunderlich, denn ein paar Top-Lagen von Saint-Aubin sind ebenfalls südlich ausgerichtet und schließen direkt oberhalb an den Montrachet Grand Cru und die 1ers von Chassagne an. Eine dieser Lagen ist Charmois, der einen feingliedrigen, mineralischen, gerade einen Tick leichteren Chardonnay ergibt, als das darunter liegende Chassagne. Und das zum halben Preis der besten dortigen Premiers Crus. Die nebenan liegenden Gemeinden Monthelie und Auxey-Duresses stehen für filigrane und spannungsgeladene Weiß- und Rotweine. So liegt gerade Monthelie mit fließendem Übergang direkt an Volnays Toplagen Clos de Chêne und Caillerets Dessus an. Pierre Morey keltert hier einen unter dem Radar fliegenden Pinot Noir.