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Rheinhessen

Rheinhessen

RHEINHESSEN von Jens Priewe Rheinhessen sei Liebe auf den dritten Blick, hat ein witzelnder Chronist einmal geschrieben. Beim ersten Blick seien ihm nur die Äcker und Felder ins Auge gefallen, die sich bis zum Horizont hinziehen und bei Sonnenuntergang zwar in ein farbiges, mildes Licht getaucht werden, doch geerntet würden auf diesen Flächen letztlich nur ordinäre...

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RHEINHESSEN von Jens Priewe


Rheinhessen sei Liebe auf den dritten Blick, hat ein witzelnder Chronist einmal geschrieben. Beim ersten Blick seien ihm nur die Äcker und Felder ins Auge gefallen, die sich bis zum Horizont hinziehen und bei Sonnenuntergang zwar in ein farbiges, mildes Licht getaucht werden, doch geerntet würden auf diesen Flächen letztlich nur ordinäre Feldfrüchte. „Rübenbauern" würden die Weingrafen von der anderen Seite des Flusses, also aus dem Rheingau, über die Rheinhessen spotten, berichtet der Chronist.
Der zweite Blick fällt auf die Autobahnen, von denen Rheinhessen durchschnitten wird. Drei sind es an der Zahl: moderne, breite Verkehrswege, die es Menschen und Waren ermöglichen, schnell an ferne Ziele zu gelangen. Ohne Halt. Ohne Blick zur Seite.
Erst wer sich die Freiheit nimmt, die Autobahnen zu verlassen und sich abseits der schnellen Routen umzusehen, werde, so der Chronist weiter, die Reize dieses Landes entdecken. Und das hat viel mit dem Wein zu tun. Wo er wächst, wird die Landschaft plötzlich lieblicher. Hier ein von Natursteinmauern eingefasster Weinberg, da ein einsames Kapellchen oder ein alter Wehrturm, der am Rande der Reben steht. Dazwischen verschlafene Dörfer, bimmelnde Kirchlein, entschleunigtes Leben.
Rheinhessen hat seinen eigenen Charme. Das gilt auch für die Menschen. Bodenständig sind sie, fleissig und brav, dabei eher mit einem Sinn fürs Praktische als fürs Hintersinnige ausgestattet. Eine gewisse Feierwütigkeit kann man ihnen auch nicht absprechen. Mainz liegt um die Ecke, und der Karneval hat sie geprägt. Natürlich hat Rheinhessen auch seine eigene Geschichte. Sie hat viel mit Bauern und Bürgern zu tun, wenig mit Grafen, Fürsten und anderen Blaublütern. Im Glanz illustrer Schlösser sonnt sich Rheinhessen nicht. Was Bürger und Bauern geschaffen haben, vor allem in den letzten Jahren, nötigt denen, die das Land und Leute verstehen wollen, manchmal mehr Respekt ab als das, was die privilegierten Schichten anderer Gegenden aus der Hinterlassenschaft ihrer Vorfahren gemacht haben.
Von der bestockten Rebfläche her ist Rheinhessen das größte deutsche Weinanbaugebiet. Es liegt im Dreieck Bingen-Worms-Mainz und ist eines jener Kunstgebilde, die mit dem deutschen Weingesetz 1971 geschaffen wurden. Das Ziel: der Zersplitterung der deutschen Weinlandschaft Einhalt zu gebieten. Ein grundsätzlich löbliches Unterfangen, denn die Weinlandkarte Deutschlands hatte dank zahlloser Kleinlagen ein Muster wie die Blümchenhosen, die Mick Jagger damals trug. Doch das neue Rheinhessen verschluckte alles, auch gewachsene Anbaugebiete, hochwertige Terroirs, interessante weinbauliche Nischen mit ureigenen Traditionen. Allen wurde der große Hut Rheinhessen übergestülpt, den Spitzenlagen ebenso wie den Mondscheinweinbergen. Das hochwertigste Anbaugebiet, die Rheinfront zwischen Nackenheim, Nierstein und Oppenheim, hat beispielsweise keine eigene Herkunftsbezeichnung bekommen. Dort wachsen einige der größten Rieslinge Deutschlands und besten Weissweine der Welt. Die Rheinfront stellt bis heute keine eigene Appellation dar. Nur wer weiss, dass Niersteiner Pettenthal ein Grand Cru und Niersteiner Gutes Domtal eine Massenweinbezeichnung ist, findet sich in diesem System zurecht. 
Ebenso verhält es sich mit dem Scharlachberg in Bingen, dessen warmer, roter Schieferverwitterungsboden für finessenreiche Silvaner und Rieslinge wie gemacht ist, doch bezeichnungsrechtlich gleichgeschaltet ist mit Rübenäckern, auf den  Reben stehen. Ähnliches gilt für das Dörfchen Appenheim, das auf einer geologischen Muschelkalkinsel inmitten von Lehm und Löss liegt und in der Lage Hundertgulden langlebige Rieslinge von unglaublicher Mineralik hervorbringt. Das gleiche Schicksal teilen die Rotwein-Nische Ingelheim, das Dörfchen Siefersheim mit seinen Porphyrböden sowie Dienheim, Guntersblum und Alsheim mit ihren Lössbänken.
Der Gerechtigkeit halber muß hinzugefügt werden, dass nicht alle Lagen, die heute als wertig gelten, damals schon bekannt waren - Gelehrte und einheimische Winzer ausgenommen. Das betrifft vor allem das Hinterland von Worms. Aus diesem Bereich, der von Westhofen über Flörsheim-Dalsheim bis nach Monsheim reicht, kommen heute grandiose Weine aus feinstem Stoff und von reicher Mineralik: in erster Linie Riesling, aber auch Weißburgunder und Spätburgunder. Teilweise übertreffen sie sogar die Weine von der Rheinfront. Wittman und Keller waren zwei Weingüter, die auch früher schon exzellente Weine erzeugt haben. Sie sind es denn auch gewesen, die das Augenmerk der Weintrinker wieder auf diesen Bereich gelenkt haben.
Die Güte der Weine aus dem Süden Rheinhessens geht vor allem auf die Besonderheit der Böden zurück. Sie sind kleinschotterig bis steinig, bestehen aus Löss und Lehm und sind von mehr oder minder großen Anteilen Kalkstein durchsetzt.  Der Kalk ist ein Überbleibsel des Urmeeres, dessen Ausläufer vor 40 Millionen Jahren bis in diesen Teil Rheinhessens reichten.
Vor 30 Jahren war dieser unter dem merkwürdigen Namen „Wonnegau" bekannte Bereich vor allem dafür berühmt, die preiswertesten Weine in Deutschland zu liefern. Viel davon ist in die Liebfrauenmilch geflossen, jenen billigen, lieblichen Markenwein, der in alle Welt exportiert wurde und einige Händler reich gemacht, das Image des deutschen Weins jedoch nachhaltig beschädigt hat. Wie ist es zu diesem Wandel kam? Die Böden haben sich jedenfalls nicht geändert. Geändert hat sich der deutsche Weintrinker. Er hat gelernt, Authenzität, Mineralität und Finesse zu schätzen statt oberflächliche Harmonie. Damals wussten nur wenige Weintrinker solche Qualitäten zu schätzen. Geändert haben sich aber auch die Winzer. Sie haben sich auf das Potentzial ihrer Terroirs besonnen und angefangen, den kargen Böden das Beste abzuringen, was diese hergaben. Ertragsreduktion war der erste Schritt, das Anstreben einer höheren Reife der zweite und penibles Verlesen der dritte. Klar, dass die Mindermengen durch höhere Preise kompensiert werden müssen. Aber für die Winzer war das damals ein Risiko. Heute sind viele Deutsche bereit, für besondere Qualitäten ihr Portemonnaie weiter aufzumachen, damals nicht.
So spannend die Spitzengewächse auch sein mögen: Rheinhessen ist immer noch ein schillerndes Weinanbaugebiet. Eine Art Villa Kunterbunt, in der es fröhlich, laut, bisweilen auch derb zugeht, manchmal sogar drunter und drüber, in der es aber nie langweilig ist. Majestätische Weine stehen in Rheinhessen neben albernen Eigenkreationen, Trendiges neben Traditionellem, Bedeutendes neben Banalem. Riesling und Dornfelder sind in Rheinhessen fast auf gleichem Niveau - mengenmäßig. Nur Müller-Thurgau wird noch häufiger angebaut. Sie ist die klassische Rebsorte für Fassware, dafür bestimmt, anonym in irgendwelchen internationalen Verschnitten zu landen. Doch wegen ihrer Ertragsstärke und Robustheit ist sie bei Agrarindustriellen immer noch sehr beliebt. Mit ihr läßt sich jedenfalls mehr verdienen als früher mit Rüben und Kartoffeln. Auch der hellrote Portugieser nimmt in Rheinhessen mehr Rebfläche ein als der feine Weissburgunder. Kerner und Scheurebe sind ebenfalls noch Dauerbrenner. Die aktuelle Moderebe aber heisst Sauvignon blanc. So schlecht kann der Wein aus ihr nicht sein, dass er sich nicht wie geschnitten Brot verkauft. Das soll nicht heissen, dass es hier und da ordentliche Exemplare gibt. Doch muss man festhalten, dass die Preise für diesen Wein schneller gestiegen als dessen Qualität.
Verlierer des Wettlaufs um die Gunst von Handel, Presse und Verbraucher ist der Silvaner. Mit dieser alten, bewährten Rebsorte waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch 75 Prozent der rheinhessischen Rebfläche bedeckt. Inzwischen ist ihr Anteil auf beschämende 9 Prozent zurückgegangen. Alle Versuche der Weinverantwortlichen, den Rheinhessen-Silvaner unter dem Kürzel RS wieder salonfähig zu machen, haben den Absturz nicht verhindert. Immerhin fangen einige jüngere Winzer jetzt wieder an, die Reben wieder vermehrt anzubauen, auch in guten Lagen. Come back also nicht ausgeschlossen.

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